Kolonialismus in Erfurt, 1503 bis heute. Die Debatte geht weiter

Am 30.3.2019 hat die Thüringer Allgemeine ein Pro-und-Contra zur Frage „Hat Erfurt ein ernsthaftes Problem mit dem Thema Kolonialismus“ veröffentlicht. Die Pro-Position wurde von uns vertreten: Wir argumentieren, dass Erfurt bezüglich seiner kolonialen Vergangenheit kein Sonderfall ist und daher in der Tat ein „ernsthaftes Problem“ mit „dem Thema“ hat. Die Contra-Position, eingenommen durch den Historiker Steffen Raßloff, bestand dagegen in erster Linie aus massiven Angriffen auf die Ausstellung „Kolonialismus in Erfurt, 1503 bis heute“, die wir mitkuratiert haben. Wir antworten im Folgenden auf die Vorwürfe, die Raßloff gegenüber der Ausstellung erhebt. Wir zeigen, dass sie haltlos sind, und dokumentieren, dass Raßloff nach Veröffentlichung der TA-Kontroverse angefangen hat, seine im Netz zugänglichen Artikel umzuschreiben.


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Lesung und Gespräch mit Claus Kristen und Silvia Saß

17.04. 2019, 19:00 Uhr | F.R.E.I.fläche, Gotthardtstraße 21

Ein Leben in Manneszucht. Von Kolonien und Novemberrevolution – „Städtebezwinger“ Georg Maercker

Im November 1918 hat die Monarchie im Deutschen Reich abgewirtschaftet. Es folgen die Errichtung einer parlamentarischen Demokratie und weitere Reformen wie das Frauenwahlrecht und der Acht-Stunden-Tag. Dennoch bleiben zwei zentrale Forderungen nach einer grundlegenden Veränderung der Gesellschaftsstruktur unerfüllt: Sozialisierung und Entmilitarisierung.

Im Laufe des Jahres 1919 kommt es daher zu einer „zweiten Revolution“, getragen von Arbeiter- und Soldatenräten. Zu deren Niederschlagung entsendet die Reichsregierung mangels funktionierender Heeresstrukturen Freikorpsverbände. Eines davon ist das „Freiwillige Landesjägerkorps“ des Generalmajors Georg Maercker. Im Februar 1919 wird es auch zum militärischen Schutz der sich konstituierenden Nationalversammlung in Weimar eingesetzt, bevor ein Feldzug kreuz und quer durch Mitteldeutschland beginnt. Maercker hatte seine militärischen Erfahrungen bereits beim Völkermord an den Herero und Nama gesammelt, er war an der Niederschlagung der Aufstände in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika beteiligt.

Am Beispiel des „Städtebezwingers“ Georg Maercker befassen sich Claus Kristen und Silvia Saß mit preußischer Militärtradition, deutscher Kolonialherrschaft, Freikorpsbewegung sowie dem aktuellen Diskurs über das Verhältnis von Kolonialismus und Nationalsozialismus.

Die Veranstaltung wird organisiert von:
Decolonize Erfurt
Projektgruppe „Erfurt im Nationalsozialismus“ beim DGB-Bildungswerk Thüringen e.V.
In Kooperation mit dem Eine Welt Netzwerk Thüringen e.V.


Workshop mit Serge Palaise „Schwarz ist der Ozean“

10.04. 2019, 18-20 Uhr, Haus Dacheröden Anger 37

Workshop mit Serge Palaise „Schwarz ist der Ozean – Was haben volle Flüchtlingsboote vor Europas Küsten mit der Geschichte von Sklavenhandel und Kolonialismus zu tun?“

Aktuelle globale Phänomene mit Nord-Süd-Bezug lassen sich kaum ohne einen Blick auf die Geschichte erklären. Wie entstand das transatlantische System, das durch Wirtschaft, Politik und Werte verbunden ist? Wie entstand der „moderne“ Rassismus? Wo hat unsere aktuelle globale Arbeitsteilung, also Rohstoffproduktion im Süden, industrielle Verarbeitung im Norden, ihren Ursprung? Wer profitiert von ihr und wer nicht? Was haben zwangsrekrutierte Kolonialsoldaten in beiden Weltkriegen mit der Etablierung der Demokratie in Deutschland zu tun?

Diese und andere Fragen versucht der Workshop „Schwarz ist der Ozean – Was haben volle Flüchtlingsboote vor Europas Küsten mit der Geschichte von Sklavenhandel und Kolonialismus zu tun?“ mithilfe der gleichnamigen Ausstellung zu beantworten. Der Workshop mit Serge Palaise will einseitige  historische Schuldzuweisungen vermeiden, historische Verantwortung aber klar benennen. Wir müssen die Kolonialgeschichte und die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels kennen, um der ungleichen Verteilung von Möglichkeiten in unserer eigenen Gesellschaft und weltweit zukünftig entgegenzutreten.

Eine Veranstaltung von DOMiD e.V. in Kooperation mit Decolonize Erfurt und dem AWO Regionalverband Mitte-West-Thüringen e.V.


Zweiter dekolonialer Stadtrundgang

10.04.2019, 16 Uhr, Treffpunkt: Anger 1 (am neuen Angerbrunnen)

Nachdem der erste dekoloniale Stadtrundgang am 13. März auf großes Interesse gestoßen ist, bietet Decolonize Erfurt am 10. April um 16 Uhr einen zweiten öffentlichen Stadtrundgang an. Im Anschluss daran findet um 18 Uhr im Haus Dacheröden (Anger 37) in Kooperation mit der interaktiven Ausstellung „Meinwanderungsland“ ein Workshop mit Serge Palaise statt zum Thema: „Schwarz ist der Ozean – Was haben volle Flüchtlingsboote vor Europas Küsten mit der Geschichte von Sklavenhandel und Kolonialismus zu tun?“
Die interaktive Ausstellung „Meinwanderungsland“ ist am 10. April von 12-17 Uhr und am 11. April von 13-18 Uhr am Anger 1 zu sehen.


Stadtrundgang und Ausstellungseröffnung: „Kolonialismus in Erfurt, 1503 bis heute“

13.03.2019, 15:30Uhr, Treffpunkt: Ecke Augustinerstraße / Am Hügel

Was hat der Erfurter Fischmarkt mit Kolonialismus zu tun? Was die Straßennamen auf Karten, die Tourist*innen zur Orientierung dienen? Welche koloniale Geschichte haben Karten überhaupt? Wie ist die reichste Familie Erfurts reich geworden? Inwiefern weisen der Domplatz, das Theater oder der Zoopark koloniale Kontinuitäten auf? Was für eine Botschaft transportiert die „Südseesammlung“? Und gibt es vielleicht sogar historische Verbindungslinien zwischen Erfurt und antikolonialen Kämpfen?

Stadtrundgang und Ausstellung beantworten diese und noch viele andere Fragen. Ihre Ausgangsthese lautet, dass der heutige Rassismus und die fehlende, unvollständige oder beschönigende Erinnerung an den Kolonialismus untrennbar miteinander zusammenhängen. Wie der Blog, der sie begleitet, sind Stadtrundgang und Ausstellung als geschichtspolitische Interventionen angelegt, die Partei ergreifen für eine gewaltfreie, egalitäre und demokratische Zukunft. Thematisiert wird daher nicht nur das (relativ) Offenkundige, z.B. der Handel mit versklavten Menschen oder der koloniale Genozid, sondern auch das, worüber kein Konsens besteht, das vermeintlich Neutrale etwa in Wissenschaft und musealer Darstellung oder das vermeintlich Harmlose, z.B. eine Figur im Schaufenster, eine Darbietung im Zoo oder eine Aufführung im Theater. Ein zentraler Bezugspunkt ist dabei immer auch der antikoloniale Widerstand, der eine Inspiration dafür sein kann, wie es anders und besser geht.