Decolonize Erfurt und ISD Thüringen antworten (Teil 2)

Demokratie ist ein Streit, der mit Argumenten geführt wird. Im Zuge unserer Kampagne zur Umbenennung des Erfurter Nettelbeckufers in Gert-Schramm-Ufer beantworten wir alle Einwände, die wir für diskutierbar halten, mit Gegenargumenten. Nachdem die Einwände beim ersten Mal noch sehr allgemein waren, sind sie diesmal spezifischer.

1) „Jeder hat eine Leiche im Keller. Nehmen wir Martin Luther, der war ein glühender Antisemit. Sollen wir jetzt etwa auch alle Lutherstraßen umbenennen? Ihr seid inkonsequent, wenn Ihr einerseits das Nettelbeckufer umbenennen wollt und andererseits eine Veranstaltung in der Lutherkirche abhaltet.“

Wenn es um die Bewertung historischer Persönlichkeiten geht, ist ein einfaches Gut-Böse-Schema, wie in vielen anderen Fragen auch, verfehlt. Dennoch gibt es qualitative Unterschiede. Luther war zweifelsohne ein Antisemit, und er hat auch mit den Fürsten gemeinsame Sache gegen die Bauern gemacht. Gleichzeitig war er ein Revolutionär. Er hat die Bibel ins Deutsche übersetzt und die Kirchenhierarchie angegriffen. Sola fide, allein der Glaube zählt! Evangelische Christ*innen inspiriert Luther bis zum heutigen Tag; sie verehren ihn nicht wegen, sondern trotz seines Antisemitismus. Atheist*innen sehen ihn in der Regel als ambivalent. Bei Nettelbeck verhält sich die Sache anders. Er ist eine eindeutig negative historische Figur. Er steht für Versklavungshandel, Kolonialismus, Nationalismus und Militarismus. Bei Straßennamen kommt es immer auf das Gesamtbild an: Nur wenn dieses eindeutig negativ ist, sind Umbenennungen sinnvoll. Da wir Luther im Unterschied zu Nettelbeck nicht als eindeutig negative historische Figur betrachten, lassen wir uns z.B. auch gerne von der Evangelischen Kirchengemeinde Martini-Luther in Erfurt beherbergen. (Danke nochmals an dieser Stelle!) Als Initiativen, die sich gegen gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit engagieren, wissen wir es zudem zu schätzen, dass die evangelischen Landeskirchen Luthers Antisemitismus offen aufarbeiten.

2) „Es ist rassistisch, eine Straße nach jemandem zu benennen, weil er schwarz war.“

Wenn wir Gert Schramm als neuen Namensgeber des Nettelbeckufers vorschlagen, geht es uns um seine Verdienste als Person. Gert Schramm wurde ins KZ Buchenwald deportiert, weil er Schwarz war. Sein Schwarzsein hat ihn rassistische Strukturen auf grausamste Weise erfahren lassen. Seinem Umgang mit diesen Erfahrungen und seinem Kampf gegen den Rassismus gilt es zu gedenken und sie verdienen unsere Würdigung. Lange war es üblich, dass einzig weiße verdienstvolle Menschen gesellschaftlich sichtbar gemacht und geehrt wurden. Es ist nicht rassistisch, das Schwarz- oder Weißsein von Menschen zusammenhängend als soziale Konstruktion zu betrachten. In den Blick kommen dabei Erfahrungen und Privilegien, welche Personen aufgrund äußerer Merkmale zuteilwerden. Schwarzsein muss als ein politischer Begriff verwendet werden können. Rassistisch ist es dagegen, Menschen aufgrund äußerer Merkmale (z.B. Hauttönen oder Haaren) wesensmäßige unterschiedliche Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Genau das tun wir nicht. Wir wollen, dass Gert Schramm als antifaschistischer Schwarzer Aktivist gewürdigt wird. Wir wollen, dass Erfurt auch verdienstvolle Schwarze Menschen ehrt und deren Lebensleistung anerkennt.

3) „Es ist undemokratisch, den Anwohner*innen kein Mitspracherecht über den Straßennamen einzuräumen. Ihr hättet, bevor Ihr Euren Umbenennungsvorschlag lanciert, die Anwohner*innen fragen müssen, ob sie so etwas wollen.“

Die Zuständigkeit, über die Namen öffentlicher Straßen zu entscheiden, liegt bei der Stadt, nicht bei den Anwohner*innen. Diese wählen wie alle anderen Bürger*innen von Erfurt den Stadtrat, der – sei es selbst oder im Kulturausschuss – über Straßennamen entscheidet. Deshalb richten wir uns an den Stadtrat, der aus demokratischen Wahlen hervorgegangen ist. Wir fragen also auch, aber nicht nur die Anwohner*innen. Heißt das, dass die Anwohner*innen überhaupt keine speziellen Ansprüche in dieser Angelegenheit hätten? In unseren Augen haben sie ein Recht darauf, über das Umbenennungsvorhaben und alle seine Implikationen umfassend informiert zu werden. Diesem Anspruch kommen wir mit aller uns zur Verfügung stehender Energie nach. Und sie haben ein Recht darauf, mit Aufwand und Kosten, welche eine Umbenennung mit sich bringt, nicht allein gelassen zu werden. Auch dafür setzen wir uns ein. Eine Maßnahme zur Herstellung historischer Gerechtigkeit muss auch der Form nach gerecht sein. Das beinhaltet, dass die Lasten, die sie mit sich bringt, gerecht verteilt werden.


Das Gert-Schramm-Ufer, Wege in und aus der Krise

Wegen der Corona-Virus-Krise mussten wir die für gestern – 26.03.2020 – geplante Informationsveranstaltung, in der wir unser Projekt zur Umbenennung des Erfurt Nettelbeck-Ufers in Gert-Schramm-Ufer vorstellen wollten, bis auf weiteres verschieben. Die Krise scheint uns unser Vorhaben nicht hinfällig zu machen, sondern seine Wichtigkeit zu unterstreichen. Warum dies so ist, wollen wir im Folgenden kurz zusammenzufassen.

Solidarität, Katastrophenkultur und Gedächtnis

Anfang der 1950er Jahre begannen Sozialwissenschaftler*innen in den USA das Verhalten von Menschen in Katastrophen empirisch zu untersuchen. In den USA selber, aber auch in Lateinamerika und Europa führten sie nach Erdbeben, Fluten aber auch nach Epidemien hunderte von Feldstudien durch. Sie wollten wissen, ob es nach Katastrophen zum gesellschaftlichen Zusammenbruch kommt, d.h. ob Menschen nicht nur in Massen-Paniken verfallen, sondern etwa auch zu plündern und ihre Nachbarn zu erschießen anfangen. Die Wissenschafter*innen kamen zu dem Ergebnis, das dies in den allermeisten Fällen nicht passiert. Stattdessen stellten sie fest, dass sich Menschen in großer Solidarität über soziale Grenzen hinweg helfen und dass genau aufgrund dieser Solidarität Gemeinschaften insgesamt mit Katastrophen recht gut zurechtkommen. Auch 70 Jahre später herrscht innerhalb der Katastrophenforschung wenig Zweifel daran, dass Solidarität im Angesicht von schwerwiegenden Krisen schlicht und ergreifend lebensnotwendig ist. Corona ist hier keine Ausnahme.

Schon in den 1960er Jahren bemerkten die Sozialwissenschaftler*innen, dass Krisen-Verhalten dort besonders ‚gut’, im Sinne von die destruktiven Konsequenzen der Katastrophe abmildernd ist, wo es eine „Katastrophen-Kultur“ gibt: will heißen, wo die Mitglieder einer Gemeinschaft relevantes Krisenwissen haben, das sie sich in vorherigen Katastrophen angeeignet und über Jahre hinweg im kollektiven Gedächtnis gespeichert haben. Zu diesem Wissen gehörte und gehört das Wissen um die Unabdingbarkeit von Solidarität.

Auch das Leben von Gert Schramm ist ein eindrücklicher Beleg, dafür dass Solidarität in Katastrophen nicht nur über Leben und Tod entscheidet, sondern auch für ein Überleben in Würde elementar ist. Zu denken ist hier nicht nur an seine Zeit in Buchenwald, sondern auch an das Leben in einer durch faschistische Gewalt und Krieg gebeutelten Dorfgemeinschaft, an seine Arbeit im Bergwerk oder an den gemeinschaftlich eigensinnigen Widerspruch gegen die SED. Gert-Schramm zu gedenken, indem eine Straße nach ihm benannt wird, ist darum ein Beitrag dazu, Solidarität in genau jenem Katastrophen-Gedächtnis zu verankern, das es heute und morgen zu aktivieren gilt – um Corona zu überstehen und nach Corona eine andere gesellschaftliche Ordnung aufzubauen, die nicht länger eine „permanente“ „chronische“, „langsame“, „strukturelle“ Katastrophe (um hier ein paar Konzepte aus der jüngeren Forschung zu anzuführen) für einen wesentlichen Teil der Menschheit darstellt.

Katastrophen, Rassismus und Kolonialismus

Diejenigen Menschen(gruppen), die nicht erst seit Corona in solchen „chronischen“ Katastrophen leben, sind gleichzeitig auch diejenigen, die jetzt von Corona – wie von anderen katastrophalen Ereignissen – besonders stark betroffen sind. Es sind dies nicht nur die in unseren Alten- und Pflegeheimen und obdachlos auf der Straße langsam und einsam Sterbenden. Es sind die allermeisten Menschen im Globalen Süden und solche, die im Globalen Norden leben und nicht-weiß sind. Wir sprechen hier von den Menschen in Europas Flüchtlingscamps und Asylbewerber*innen-Heimen, von den strukturellen Zusammenhängen von „race“, Armut und der sogenannten Krisen-„Vulnerabilität“, die die Katastrophenforschung seit den 1960er Jahren belegt hat. Wir beziehen uns aber auch auf die rassistischen Übergriffe, zu denen es in Krisenzeiten immer wieder kommt, und welche die oben gennannte Solidarität zersetzten. Auch solche sind in den letzten Corona-Wochen bereits in Deutschland zu beobachten gewesen.

In anderen Worten: Um Katastrophen in ihrer Wirkung verstehen und ihnen adäquat begegnen zu können, ist der analytische Blick auf Rassismus und auf globale Ungleichheit unverzichtbar, die ihre Herkunft wesentlich im Kolonialismus haben. Die antirassistische und dekoloniale Arbeit, die wir mit dem Umbenennungsprojekt verfolgen, zielt genau darauf.

Wir möchten darauf hinweisen, dass viele der katastrophalen Ereignisse, mit denen sich Menschen in den letzten 500 Jahren konfrontiert gesehen haben, von Kolonialismus und Rassismus nicht nur in ihrem Verlauf und ihren Konsequenzen beeinflusst worden sind, sondern damit auch ursächlich in Verbindung stehen. Dies nur schon, weil sie viel mit den menschengemachten Veränderungen der verschiedenen Sphären unseres Planeten zu tun haben, zu denen es in den letzten Jahrhunderten kam. Also z.B. mit dem Wandel des Klimas, der Beschaffenheit von Böden oder dem Bestand an Pflanzen und Tierarten.

Diese Veränderungen sind so massiv, dass Wissenschaftler*innen seit ein paar Jahrzehnten die geologische Epoche, in der wir leben, als „Anthropozän“ bezeichnen. Zu ihnen haben, wie die heutige Forschung betont, Kolonialismus und vor allem Plantagenwirtschaft und Sklaverei so entscheidend beigetragen, dass mittlerweile auch von einem „plantationocene“ gesprochen wird. Bekannte Folgen davon sind Dürren oder Fluten. Aber auch Epidemien wie Corona sind in ihrem Verlauf und Entstehen von Faktoren wie der Veränderungen z.B. der Biosphäre geprägt. Schließlich darf nicht vergessen werden, dass der Kolonialismus auch als Motor von Globalisierung zu ihrer Ausbreitung beigetragen hat.

Sklaverei und Kolonialismus zu ehren, indem deren Handlangern und Lobbyisten, wie Nettelbeck einer war, Straßennamen gewidmet bleiben, bedeutet auch, Ursachen unserer aktuellen Krisen zu huldigen. Dies blockiert genau jenes Umdenken, das erforderlich ist, um die kulturellen und strukturellen Veränderungen zu bewirken, die es Jetzt für heute und (ein) Morgen braucht.

Gegen Opferbereitschaft und Menschenverachtung

Was wir zum jetzigen Zeitpunkt (und auch sonst) nicht benötigen, sind totalitäre Praktiken und sowie deren ideologische Versatzstücke, für die Nettelbeck steht. Dies ist gerade deswegen zu betonen, weil es global, aber auch lokal nicht an Kräften mangelt, welche die jetzt im Ausnahmezustand eingeführten Beschneidungen von Rechten über diesen Zustand hinaus zu normalisieren bestrebt sein werden. Kräfte, für welche Corona auch als zusätzlich Legitimierung einer hochgradig zynischen Politik dient, in der die in ihrer Logik weniger „Nützlichen“, sowieso schon Entrechteten zum vermeintlichen (ökonomischen) Vorteil der Normgesellschaft der (vermeintlich) Produktiven, sterben gelassen werden sollen.

Nettelbecks Wirken in Kolberg steht für eine Militarisierung der Gesellschaft, für eine irrationale und mörderische Abwehrschlacht gegen einen überlegenen Feind, in welcher einzelne Individuen für ein vermeintliches „Gemeinwohl“ geopfert werden. Genau deshalb war Nettelbeck der Liebling von Joseph Goebbels. Dessen Sportpalastrede („Wollt Ihr den totalen Krieg?“) endet mit den Worten, mit denen Veit Harlans Propagandafilm „Kolberg“ beginnt, in dem Nettelbeck die Hauptfigur ist: „Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los!“

Diese „Zusammenrücken“ der Volksgemeinschaft ist just das Andere der Solidarität, die Gert Schramm verkörpert. Einer Solidarität, deren moralisches Fundament das Wissen um die Gleichheit aller Menschen und um die Unantastbarkeit ihrer Würde ist. Diese Werte müssen wir auch in der gegenwärtigen Corona-Krise hochhalten. Z.B., indem wir uns jetzt dafür aussprechen, dass Gert Schramms Name auf einer der vielen Straßen steht, auf denen neue Wege aus der (permanenten) Katastrophe heraus beschritten werden können.


Antworten auf Fragen und Einwände zur Umbenennung des Nettelbeckufers in Gert-Schramm-Ufer

Gert Schramm am ehemaligen Bahnhof des KZ Buchenwald, Foto: Barbara Hartmann, München

Vor etwas mehr als einer Woche haben wir mit unserer Kampagne zur Umbenennung des Erfurter Nettelbeckufers in Gert-Schramm-Ufer begonnen. Seitdem hat uns viel Zuspruch erreicht, u.a. von Anwohner*innen, aber es gab auch Widerspruch.

Wir möchten die Gelegenheit nutzen, auf einige Fragen bzw. Einwände zu reagieren.

1) „Gibt es gerade keine wichtigeren Probleme, als eine Straße umzubenennen? Habt Ihr nichts Besseres zu tun? Euch ist nur langweilig.“

Die Umbenennung von Straßen ist ein kleiner, aber wichtiger Teil eines größeren gesellschaftlichen Wandels, für den wir uns einsetzen – eines Wandels, der unabdingbar ist, um mit den Krisen und Katastrophen umzugehen, mit denen wir (alle heutigen Bürger*innen, aber auch deren Kinder und Enkel) hier in Erfurt, in Deutschland und auf dem Planeten konfrontiert sind.
Der Corona-Virus ist eine dieser Krisen ebenso wie der rassistische Terror, der nicht nur unmittelbar tötet, sondern Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bedroht; auch der Klimawandel gehört dazu. All diesen Krisen kann nur wirksam begegnet werden, wenn wir uns ihren Ursachen stellen. Und zu diesen Ursachen gehören maßgeblich Kolonialismus und Sklaverei, an denen Nettelbeck beteiligt war. Um die aktuellen Krisen und Katastrophen einzudämmen, ist es unumgänglich, kurzsichtigen Egoismus durch solidarisches Handeln, Menschlichkeit und Empathie zu ersetzen. Personen wie Gert Schramm können uns dabei als Orientierung dienen. Sprachliche Symbole (zum Beispiel Straßennamen) sind untrennbar mit unserem Denken und Handeln verbunden. Es bringt uns voran, uns mit anderen (Straßen-)Namen zu umgeben und uns dadurch diverserer Vorbilder zu bedienen.

2) „Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen, wir müssen Straßennamen wie das Nettelbeckufer als Teil unserer Geschichte akzeptieren. So ein Blödsinn, Straßennamen gehören nicht politisiert.“

Nach dieser Logik gäbe es heute in Erfurt einen Adolf-Hitler-Weg und eine Josef-Stalin-Allee. Wir vermuten, dass außer ein paar hartnäckigen Nazis und Stalinos niemand in solchen Straßen leben möchte. Wir verstehen auch, dass manche Leute Sorge vor Veränderung haben. Es ist schmerzhaft und anstrengend, das Vertraute zu hinterfragen, gerade wenn es um Selbstverständlichkeiten wie die eigene räumliche Umgebung geht. Aber die aktuelle Corona-Situation zeigt: In nächster Zeit werden noch ganz andere Veränderungen auf uns zukommen als die Umbenennung von Straßen. Sie beinhalten auch Chancen, nämlich für ein solidarisches Miteinander und eine bessere Gesellschaft.

3) „Habt Ihr Euch denn überhaupt mal Gedanken gemacht über die Kosten, sowohl für die Stadt als auch für die Leute, die am Nettelbeckufer wohnen?“

Straßenumbenennungen sind nichts Ungewöhnliches und die Kosten für die Stadt überschaubar. Seit 1990 hat es in Erfurt rund 200 Straßenumbenennungen gegeben, die meisten von ihnen, um Mehrfachexistenzen von Straßennamen in verschiedenen Stadtteilen zu beseitigen. Wir haben mit Vertreter*innen der Stadt bereits Gespräche geführt, wie sich der finanzielle und logistische Aufwand für die Anwohner*innen minimieren lässt. In anderen Städten ist es durchaus üblich, dass bei Straßenumbenennungsvorhaben wie dem unsrigen z.B. die 10 Euro Gebühr für die Adressänderung auf dem Personalausweis erlassen werden. Es lässt sich organisieren, dass eine mobile Meldestelle in die Straße kommt, so dass niemand lästige Wartezeiten auf einem überfüllten Bürger*innenamt in Kauf nehmen muss. Wir werden alles dafür tun, damit der Aufwand für die Anwohner*innen so gering wie möglich bleibt.

4) Eine Facebook-Nutzerin schreibt: „Es leben im Nettelbeckufer einige Menschen bereits über 50 Jahre. Sie leben und lieben diese Straße. Und diesen Straßennamen den einige seit ihrer Kindheit kennen, soll nun umbenannt werden? Warum?“

Wir haben bereits im ersten Schreiben an die Anwohner*innen einige Gründe genannt, warum Joachim Nettelbeck als Namensgeber einer Straße ungeeignet ist. Hier nochmal das Wichtigste in Kürze: Nettelbeck war als Obersteuermann am transatlantischen Versklavungshandel beteiligt. Innerhalb dieses grausamen ökonomischen Systems wurden ca. 12,5 Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika verschleppt, wobei 1,8 Millionen von ihnen unterwegs starben – Krankheiten erlagen, verdursteten oder schlicht von der Mannschaft der Schiffe zu Tode gequält wurden. Nettelbeck hat als Obersteuermann nicht nur den Menschhandel vor Ort durchgeführt und war maßgeblich für die Zustände an Bord seiner Versklavungsschiffe verantwortlich, er hat auch zusätzliche Einnahmequellen wie den Handel mit Goldstaub für sich zu nutzen gewusst. Darüber hinaus hat er versucht, drei preußische Könige zum Erwerb von Plantagenkolonien in der Karibik zu bewegen. Auf den Zuckerrohrplantagen der Karibik überlebten die versklavten Menschen in der Regel nur wenige Jahre. Sie wurden buchstäblich zu Tode gearbeitet oder starben an den Folgen von Folter, Vergewaltigung oder anderer Gewalt durch Aufseher und Plantagenbesitzer*innen. Schließlich hat Nettelbeck seine Heimatstadt Kolberg 1807 in eine so sinnlose wie mörderische Abwehrschlacht gestürzt. Statt dem Beispiel Erfurts zu folgen und vor den übermächtigen französischen Truppen kampflos zu kapitulieren, hat er seine Mitbürger*innen mit Durchhalteterror überzogen. Mitbürger*innen, die kapitulieren wollten, hat er gedroht, sie eigenhändig zu erdolchen.

Decolonize Erfurt und ISD, lokale Gruppe Thüringen


Online-Petition für die Umbenennung des Nettelbeckufers in Gert-Schramm-Ufer

Am 12. März startetet die Kampagne von „Decolonize Erfurt“ zusammen mit der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ zur Umbenennung des Erfurter Nettelbeckufers in Gert-Schramm-Ufer mit der Zustellung eines Briefes an die Anwohner*innen in der Straße in dem das Anliegen erklärt wurde.
Um für Unterstützung unseres Antrages an den Erfurter Stadtrat zur Umbenennung des Straßennamens in Gert-Schramm-Ufer zu werben, haben wir nun zusätzlich eine Online-Petition gestartet.


Informationsveranstaltung zum Umbenennungsvorhaben

Aufgrund der Allgemeinverfügung zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten der Stadt Erfurt wird die Informationsveranstaltung zum Umbenennungsvorhaben verschoben.

Der neue Veranstaltungstermin wird rechtzeitig bekanntgegeben.

Wir, die zivilgesellschaftlichen Gruppen „Decolonize Erfurt“ und „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“, werden der Erfurter Stadtverwaltung Anfang April einen Antrag auf Umbenennung des Nettelbeckufers in Gert-Schramm-Ufer überreichen.

Die Kampagne zur Umbenennung des Erfurter Nettelbeckufers in Gert-Schramm-Ufer startete am 12. März mit der Zustellung eines Briefes an die 450 Haushalte in der Straße, in dem das Anliegen der Umbenennung erklärt wird.


Wie weiter mit Erfurts kolonialem Erbe?

12.12.2019, 19:30 Uhr, Begegnungsstätte Kleine Synagoge, An der Stadtmünze 4-5

Nachdem der Kolonialismus lange als Randnotiz der deutschen Geschichte angesehen wurde, ist er in den letzten Jahren in den Blick einer breiten Öffentlichkeit getreten: sei es anhand der Forderungen nach einer offiziellen Entschuldigung der Bundesregierung für den Genozid an den Herero und Nama, sei es anhand der Debatte um die Zukunft kolonial angeeigneter Sammlungsobjekte, die durch den französischen Restitutionsbericht von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy an Fahrt gewonnen hat.
Was aber hat das alles mit Erfurt zu tun? Vor welche Herausforderungen stellt der Kolonialismus die hiesige Stadtgeschichtsschreibung und Kulturpolitik? Was können städtische Einrichtungen tun, wo ist die Erfurter Zivilgesellschaft gefragt? Konkret: Was passiert mit der „Südseesammlung“, die der Erfurter Kolonialbeamte Wilhelm Knappe seiner Heimatstadt im Jahr 1889 verkauft hat? Wie sieht ein angemessener Umgang mit dem Burenhaus und anderen kolonialen Spuren im Stadtbild aus? Welche Rolle spielt das koloniale Erbe im Selbstverständnis einer demokratischen, diversen und weltoffenen Stadt?
In Kooperation mit dem Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt und der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen lädt die Landeshauptstadt Erfurt zu einem Podium, auf dem diese und weitere Fragen zum Umgang mit Erfurts Kolonialgeschichte diskutiert werden.

Teilnehmende:
Viviann Moana Wilmot (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland)
Dr. Urs Lindner (Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt und Decolonize Erfurt)
Sarah Laubenstein (amt. Kulturdirektorin, Stadtverwaltung Erfurt)
Dr. Tobias J. Knoblich (Beigeordneter für Kultur und Stadtentwicklung, Stadtverwaltung Erfurt)

Moderation:
Dr. Martin Eberle (Direktor der Museumslandschaft Hessen-Kassel)


Ausstellung „Kolonialismus in Erfurt, 1503 bis heute“

08.11.-21.12.2019, Foyer der Universitätsbibliothek Erfurt

Vom 8.11 bis 21.12.2019 ist die Ausstellung „Kolonialismus in Erfurt, 1503 bis heute“ im Foyer der Universitätsbibliothek zu sehen – mit zwei neuen Postern und erstmalig auch mit Objekten. Wir sind der Meinung, dass der Kolonialismus ein fester Bestandteil der Erfurter Stadtgeschichtsschreibung und ihrer musealen Repräsentation werden muss! Und wir zeigen, wie das gehen kann. 

Öffnungszeiten der Universitätsbibliothek


10. Dekolonialer Stadtrundgang

08.11.2019, 18:30-20:30 Uhr, Treffpunkt: Ecke Augustinerstr. / Am Hügel

Der zehnte dekoloniale Stadtrundgang findet im Rahmen der langen Nacht der Wissenschaften statt. Er dauert ca. 2 Stunden und endet in der Bahnhofstraße. Danach besteht die Möglichkeit einer gemeinsamen Besichtigung der Ausstellung „Kolonialismus in Erfurt, 1503 bis heute“ in der Universitätsbibliothek. 


Ninth Decolonial City Tour (in English)

September 30, 2019, 5.00 pm, Starting point: corner Augustinerstr. / Am Hügel

What is the relationship between Erfurt and colonialism? Decolonial city walks are provided in order to answer this question. Their guiding assumption is that there are close connections between colonialism and its amnesia on the one hand and contemporary racism and global inequality on the other. The relationship between Erfurt and colonialism cannot be reduced to the short period from 1884 to 1919 when Germany officially had its own colonial territories. It started in 1503, when the merchant house of the Fugger, which was involved in the military occupation and exploitation of several regions of the Americas, established a trading post in Erfurt. And it continues up to this day in the form of buildings, museum collections and racist agitations by right-wing politicians. The city walk traces these manifestations always focusing on the possibility and historic reality of anti-colonial resistance.


«Briefe aus Stein. Von Nazi-Deutschland nach Südafrika»

23.09.2019, 19:00-2100 Uhr, Begegnungsstätte Kleine Synagoge, An der Stadtmünze 4/5, Erfurt

Buchvorstellung & Diskussion mit Professor Steven Robins (Stellenbosch University, Südafrika)

Das alte Postkartenfoto kannte Steven Robins schon, als er in den 1960er- und 1970er-Jahren im südafrikanischen Port Elizabeth aufwuchs. Es zeigt drei ihm unbekannte Frauen. Erst später erfuhr er, dass das Bild die Mutter und die Schwestern seines Vaters im Jahr 1937 in Berlin zeigt, bevor sie in Auschwitz getötet wurden. Seit der Namensänderung von Robinski in Robins erzählte Steven Robins’ Vater nichts mehr über seine Vergangenheit in Europa, nichts über seine Flucht aus Nazi-Deutschland, nichts über das Schicksal seiner Familie – bis Steven, inzwischen ein junger Anthropologe, ihn im Jahr vor seinem Tod befragte. Doch die Informationen, die sein Vater mitteilte, waren dürftig. Schließlich fand Steven Robins Unterlagen über seine Familie in Archiven und entdeckte über hundert Briefe, die die Familie von 1936 bis 1943 aus Berlin an seinen Vater und Onkel geschickt hatte. Dabei las Steven Robins auch Worte der Frauen auf dem Foto.

„Briefe aus Stein“ ist die ergreifende Rekonstruktion einer Familiengeschichte. Die Hilferufe seiner im Nazi-Staat gefangenen Angehörigen erreichten Steven Robins’ Vater in Südafrika, der jedoch nicht helfen konnte und schließlich den Rückzug ins Schweigen wählte.

In seinem Buch untersucht Steven Robins auch die Komplizenschaft seines Fachgebietes, der Anthropologie, die ebenso wie die Eugenik und die Ethnologie die vermeintlich wissenschaftlichen Grundlagen für den nationalsozialistischen Rassismus legte.

Das Buch erscheint im September im Metropol-Verlag (www.metropol-verlag.de).

In Kooperation mit der Initiative „Decolonize Erfurt“, der Professur für Wissenschaftsgeschichte der Universität Erfurt und dem Metropol-Verlag.

! Die Veranstaltung findet auf Englisch statt !

Link zur Veranstaltung: https://www.rosalux.de/veranstaltung/es_detail/BFH5C/briefe-aus-stein-von-nazi-deutschland-nach-suedafrika/


Kolonialer Rassismus: Die Produktion und Aneignung der „Anderen“ in den Städten Europas

10.07.2019, 19 Uhr, Haus Dacheröden, Anger 37, Erfurt

Eine Veranstaltung mit Dr. Noa K. Ha (TU Dresden, Zentrum für Integrationsstudien)

In ihrem Vortrag geht Noa Ha der Frage nach, wie Menschen in europäischen Städten als „Andere“ markiert und rassifiziert werden – und wie dieser Prozess mit der kulturellen Aneignung und historischen Enteignung dieser „Anderen“ einhergeht.

Folgenden Fragen werden diskutiert: Welche Rolle spielen z.B. ethnologische Sammlungen in den postkolonialen Städten Europas? Wer wurde enteignet, und wer profitierte davon? Wie wurde das Wissen in Europa hierdurch geprägt und was meint Europa über die „Anderen“ zu wissen? Wie ist dieses Wissen bis heute wirksam?

Entlang dieser Fragen wird auf verschiedene (neo-)koloniale Formen der An- und Enteignung der „Anderen“ in europäischen Städten (wie ethnologische Sammlungen, „Völkerschauen“, Weltausstellungen) eingegangen, sowohl in ihrer Wirkmächtigkeit als koloniales Vermächtnis bis in die Gegenwart als auch in unserem Alltagswissen.

Eine Veranstaltung von Decolonize Erfurt in Kooperation mit der Rosa Luxemburg Stiftung Thüringen und gefördert durch den LAP Erfurt / Partnerschaft für Demokratie im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, des Thüringer Landesprogramms „Denk bunt“ für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit sowie die Stadt Erfurt.


Seventh Decolonial City Tour (in English)

July 9, 2019, 4.00 pm, Starting point: Willy-Brandt-Platz in front of „Willy Brandt ans Fenster“

The seventh decolonial city tour will take place in cooperation with Bauhaus University Weimar. It will focus on images, stereotypes and cultural appropriation. It will take around two and a half hours and will end at Stadtgarten. (The picture shows how Erfurt´s Boer house commemorates protagonists of white supremacy.)


TRACES vol.I: Ein Theaterstück zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

05.07.2019, 19:30 Uhr, Frau Korte, Magdeburger Allee 179

„TRACES“ – eine theatrale Recherche zu kolonialen Spuren in Berlin und Lomé.

TRACES ist eine Koproduktion zwischen X Perspektiven (Deutschland / Schweiz, www.x-perspektiven.com) und der Compagnie Artistique Carrefour (Togo). In zwei Recherche- und Probenphasen in Lomé (Februar-März 2019) und Berlin (Juni-Juli 2019) entwickelten 12 junge Erwachsene unter theaterpädagogischer Leitung zwei Performances.

Wir freuen uns, die erste der beiden Performances TRACES vol.I in Erfurt präsentieren zu können:

TRACES vol.I: Ein Theaterstück zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein Stück zwischen zwei Ländern, vielen Identitäten und unzähligen Versionen der Geschichtsschreibung. Ein Stück in dem König Mlapa auf Salvini trifft, Bismarck an Sonnenallergie leidet und die Bücher von Frantz Fanon zur Pflichtlektüre in der Schule ausgerufen werden. TRACES vol.I – Versuch einer gemeinsamen Erinnerung, Versuch einer Utopie.

Regie, Konzept, Produktionsleitung:
Eliana Schüler, Valeria Stocker, Jean Koffi Edem Touglo
Spieler*innen: Hanifatou S. Dobila, Marléne Douty, Raoul Ket, Félicité Kodjo-Atsou, Isabel Kwarteng-Acheampong, Auro Orso, Moïse Pak, Fabrice Paraiso, Maud Ruget, Stephanie Treichel, Annkatrin Votteler-Veit, Anne Zöppig
Grafik: Clara Brandt
Assistenz: Sonia Akou Novinyo, Mirjam Oschwald

Das Stück wird in einer Mischung aus deutsch, französisch und englisch aufgeführt.

Gefördert durch den LAP Erfurt / Partnerschaft für Demokratie im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, des Thüringer Landesprogramms „Denk bunt“ für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit sowie die Stadt Erfurt.

Open Air Veranstaltung
Wann: Freitag, 5. Juli 2019
Wo: Frau Korte, Magdeburger Allee 179
Einlass: 19:30 | Beginn: 20:00
AK: 4 – 6€
Im Anschluss an das Theaterstück bleibt noch Zeit für Fragen und eine Diskussionsrunde.

Weitere Infos: https://www.facebook.com/events/1263370623827934/


„Refugee Gambarab“ – ein transkulturelles Wochenende von Gambia bis „Arabien“

14. bis 15.06.2019, im KulturQuartier Schauspielhaus

Unter dem Titel „Refugee Gambarab“ organisieren der dindingo-Gambia e.V., Slow Budget Productions und der Kulturquartier Erfurt e.V. in Kooperation mit der Seebrücke Erfurt und Decolonize Erfurt ein vielseitiges und spannendes Programm.
Gleichzeitig begeht der Erfurter Verein dindingo-Gambia e.V. mit diesem vollgepackten Wochenende seine Volljährigkeit und das soll gefeiert werden!

Am Freitag und Samstag erwartet die Gäste:

  • eine Fotoausstellung über Gambia
  • Infostände verschiedener Vereine und Initiativen
  • ein Konzert der syrisch-deutschen Hamburger Band „Shkoon“ mit Oriental Slow House-Klängen
  • eine Party mit globalen Sounds durch DJane Pachamama & friends
  • der sechste dekoloniale Stadtrundgang durch Erfurt
  • ein Workshop zu Fluchtursachen in Gambia
  • gambisches Essen
  • eine Filmdokumentation zur Perspektive auf das Thema irreguläre Migration in Gambia sowie anschließender Gesprächsrunde mit dem Filmemacher
  • noch mehr Musik beim DJ*ane-Karussel
  • und natürlich viel Austausch, Amüsement, neue Kontakte und vielleicht die ein oder andere Erkenntnis!

Der sechste dekoloniale Stadtrundgang findet am 15. Juni statt und wird sich Themen wie zum Beispiel Konsum und (Neo-) Kolonialismus und Deutsche Entwicklungspolitik widmen. Treffpunkt zum Stadtrundgang ist 12 Uhr vor dem Anger 1 (am neuen Angerbrunnen).

Das gesamte Programm ist kostenfrei, Spenden sind willkommen.


Die Kommunalwahl, die Parteien und die Aufarbeitung des Kolonialismus in Erfurt

Am 26. Mai 2019 finden in Thüringen die Kommunalwahlen statt. Während das Stadtbild viele verschiedene und bunte Plakate schmücken und wenige konkrete Antworten zu kommunalpolitischen Fragen geboten werden, haben wir die im Erfurter Stadtrat vertretenen demokratischen Parteien sowie die Mehrwertstadt befragt, wie sie mit den Spuren und Kontinuitäten des Kolonialismus in Erfurt umzugehen gedenken. Insgesamt handelt es sich um sieben Fragen, die wir den Parteien als Wahlprüfsteine vorgelegt haben: zur Umbenennung von Straßen wie dem Nettelbeckufer, zur kritischen Kommentierung des Burenhauses, zur Zukunft der „Südseesammlung“, zu problematischen Inszenierungen im Zoopark, zur Einführung von Rassismus- und Diversitytrainings in der Stadtverwaltung, zur Aufarbeitung der Erfurter Hetzjagd von 1975 sowie zur Bereitstellung von Finanzen für die dekoloniale Erinnerungsarbeit. Antworten kamen von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, DIE LINKE., FDP und Mehrwertstadt. Im Folgenden eine selektive Auswertung der Antworten, die wir erhalten haben. Wer Interesse an mehr und die nötige Zeit zur Lektüre hat, kann sich im Anhang sämtliche Fragen und Antworten zu Gemüte führen.

Auch in Erfurt finden sich Straßennamen, die kolonialhistorisch belastet sind. Ein prominentes Beispiel ist das Nettelbeckufer, dessen Namensgeber durch den Handel mit versklavten Menschen reich geworden ist. Wir wollten wissen: Wie verhält sich Ihre Partei zu Straßennamen, die das koloniale Unrecht als etwas Positives erscheinen lassen? Werden sich Ihre Stadtratsfraktion und Ihre Mandatsträgerinnen und Mandatsträger für Umbenennungen kolonial belasteter Straßennamen einsetzen? Alle vier Parteien, die unsere Wahlprüfsteine beantwortet haben, teilen das Problembewusstsein hinsichtlich derartiger Straßennamen. DIE LINKE. zieht eine kritische Kommentierung durch Plaketten einer Straßenumbenennung vor. Die Mehrwertstadt hat ebenfalls eine Tendenz in Richtung Plakette und möchte das Problematische im Stadtbild sichtbar halten. Die FDP steht einer Überprüfung von Straßennamen durch ein interdisziplinäres wissenschaftliches Team offen gegenüber. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN verweisen in ihrer Antwort auf die Diskussionen um Straßennamen mit NS-Bezug und lassen eine Bereitschaft zur Umbenennung erkennen.

Erfurt verfügt mit der „Südseesammlung” über eine Ausstellung, deren Zustand nicht den Standards der gegenwärtigen erinnerungspolitischen Debatte entspricht. Nicht nur ist die Provenienz der rund 600 Kulturobjekte nach wie vor ungeklärt, auch werden menschliche Überreste ausgestellt. Der koloniale Gewaltzusammenhang, innerhalb dessen der Erfurter Kolonialbeamte Wilhelm Knappe die Sammlung „erworben” hat, wird in der Ausstellung verharmlost. Unserer Fragen lauteten: Werden Sie sich dafür einsetzen, dass die menschlichen Überreste, die im Benaryspeicher lagern, unverzüglich zurückgegeben werden? Sind Sie bereit, einen Dialog über die Zukunft der „Südseesammlung” zu unterstützen, der die Herkunftsländer der Kulturgüter einbezieht? Was sind Ihre Pläne bezüglich der „Südseesammlung”? Die Mehrwertstadt möchte die Rückführung menschlicher Überreste den Herkunftsländern anbieten und mit ihnen auch über die Zukunft der Sammlung insgesamt sprechen. Die Bündnisgrünen legen einen starken Akzent auf die Einbeziehung der Herkunftsländer in die Diskussion und regen darüber hinaus eine kritische Auseinandersetzung mit der Sammlung im Gothaer Schloss Friedenstein an. Die Linkspartei unterstützt uns hinsichtlich der „Südseesammlung“ „vollumfänglich“ und geht mit Vorschlägen zur Restitution sogar noch weiter als wir. Bei der FDP gibt es aktuell keine Beschlusslage zum Umgang mit der Sammlung.

Der Rassismus auch im heutigen Deutschland hat seine Wurzeln im Kolonialismus. Ein Ereignis, das diese Kontinuität verdeutlicht, ist die Hetzjagd auf Arbeitsmigrant*innen aus Algerien, die im August 1975 in Erfurt stattfand. Wir haben den Parteien dazu folgende Fragen gestellt: Welche Bedeutung messen Sie diesen Übergriffen bei? Was werden Sie tun, um diese Übergriffe und die Diskriminierungen, denen „Vertragsarbeiterinnen“ und „Vertragsarbeiter“ in der DDR ausgesetzt waren, aufzuarbeiten und geeignet daran zu erinnern? Für die FDP umfasst eine historische Aufarbeitung derartiger Unrechtstaten eine Reihe von Maßnahmen, darunter die schulische und außerschulische Behandlung. Die Mehrwertstadt möchte als ersten Schritt einen Prüfauftrag an die Stadtverwaltung richten. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN verweisen darauf, dass sie bereits eine Veranstaltung mit Harry Waibel zum Thema durchgeführt haben. Für sie ist es ein Ziel, dass auch dieser Teil der Vergangenheit aufgearbeitet und aufgeklärt wird. Sie adressieren die Gedenkstätte Andreaskirche und die Landeszentrale für politische Bildung als angemessene Orte, um über Rassismus in der DDR offensiv aufzuklären. DIE LINKE. verweist auch auf die Gedenkstätte Andreaskirche, die für die „DDR-Aufarbeitung“ finanziell ausgestattet ist.

Ausgewählte Wahlprüfsteine auf einen Blick:

Frage BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN DIE LINKE. FDP Mehrwertstadt
Umbenennung von kolonialhistorisch belasteten Straßennamen X = X
Kommentierung von Straßennamen durch Zusatzschilder =
Anbringung einer Plakette am Burenhaus, die auf den Zusammenhang zwischen Kolonialismus, Burenrepubliken und südafrikanischer Apartheid verweist = X
Dialog über Zukunft der „Südseesammlung“ mit Herkunftsländern =
Rückgabeangebot menschlicher Überreste =
Antirassismus-und Diversitätstrainings in der Stadtverwaltung 
Aufarbeitung der Erfurter Hetzjagd von 1975 =

Zustimmung (√), Ablehnung (X), Offene Antwort (=), Keine passenden Angaben (-)

Die Beantwortung der Wahlprüfsteine durch die vier Parteien zeigt, dass sie sich mit den Spuren und Kontinuitäten des Kolonialismus in Erfurt befasst haben und gewillt sind, zu seiner Aufarbeitung beizutragen. Wir hoffen, dass diese Bereitschaft auch nach der Wahl anhält. Wir wünschen uns, dass auch die anderen Erfurter Parteien beginnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und es ernst zu nehmen. Es geht um Unrecht, dass nicht vergessen werden darf.

Wahlprüfsteine – vollständige Antworten


Fünfter dekolonialer Stadtrundgang

06.06.2019, 16 Uhr, Treffpunkt: Ecke Augustinerstr./Am Hügel

Der fünfte dekoloniale Stadtrundgang findet in Kooperation mit dem Historischen Seminar der Universität Erfurt statt. Er hat einen globalgeschichtlichen Schwerpunkt und verdeutlicht damit einen zentralen Aspekt unseres Ansatzes: Es reicht nicht aus, den deutschen Kolonialismus zeitlich und institutionell zu erweitern (von den Fuggern und Welsern Anfang des 16. Jahrhunderts bis heute), sondern das koloniale Erfurt muss auch räumlich neu verstanden werden – in seinen globalen Verflechtungen und Bedingungskonstellationen.
(Das Foto ist vom „Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus“, der 1927 in Brüssel statt fand, und zeigt, von links nach rechts: Willi Münzenberg, Jawaharlal und Kamala Nehru, Ernst Toller, Georg Ledebour, Henriette Roland-Holst, Edo Fimmen.)


Ausstellung „Kolonialismus in Erfurt – 1503 bis heute“

13.05. – 31.05.2019, Ausstellung „Kolonialismus in Erfurt – 1503 bis heute“ im Thüringer Landtag vor Raum F 201

Was hat der Erfurter Fischmarkt mit Kolonialismus zu tun? Was die Straßennamen auf Karten, die Tourist*innen zur Orientierung dienen? Welche koloniale Geschichte haben Karten überhaupt? Wie ist die reichste Familie Erfurts reich geworden? Inwiefern weisen der Domplatz, das Theater oder der Zoopark koloniale Kontinuitäten auf? Was für eine Botschaft transportiert die „Südseesammlung“? Und gibt es vielleicht sogar historische Verbindungslinien zwischen Erfurt und antikolonialen Kämpfen? Die Ausstellung „Kolonialismus in Erfurt – 1503 bis heute“ beantwortet diese und noch viele andere Fragen.

Nachdem die Ausstellung „Kolonialismus in Erfurt – 1503 bis heute“ bis zum 11. Mai im Haus Dacheröden zu sehen war, kann sie nun vom 13. bis 31. Mai im Thüringer Landtag besichtigt werden.


Vierter dekolonialer Stadtrundgang

14.05.2019, 16 Uhr, Treffpunkt: Haus Dacheröden, Anger 37, Erfurt

Decolonize Erfurt bietet am 14. Mai um 16 Uhr einen vierten öffentlichen Stadtrundgang an.
Der dekoloniale Stadtrundgang zeigt wie der Kolonialismus in Erfurt fortlebt. Die Ausgangsthese lautet, dass der heutige Rassismus und die fehlende, unvollständige oder beschönigende Erinnerung an den Kolonialismus untrennbar miteinander zusammenhängen. Der Stadtrundgang ist als geschichtspolitische Intervention angelegt, die Partei ergreift für eine gewaltfreie, egalitäre und demokratische Zukunft. Thematisiert wird daher nicht nur das (relativ) Offenkundige, z.B. der Handel mit versklavten Menschen oder der koloniale Genozid, sondern auch das, worüber kein Konsens besteht, das vermeintlich Neutrale etwa in Wissenschaft und musealer Darstellung oder das vermeintlich Harmlose, z.B. eine Figur im Schaufenster, eine Darbietung im Zoo oder eine Aufführung im Theater. Ein zentraler Bezugspunkt ist dabei immer auch der antikoloniale Widerstand, der eine Inspiration dafür sein kann, wie es anders und besser geht.

Eine Veranstaltung von Decolonize Erfurt in Kooperation mit dem AWO Landesverband Thüringen e.V.

Douglas Booth (lecture in English) – Disentangling race: Re-narrating apartheid sport

03.05.2019, 17 Uhr, Haus Dacheröden Anger 37

Abstract: In this presentation I search for interracial entanglements in South African sport and consider how these experiences may be narrated. The presentation comprises three sections. In the first I provide an overview of traditional narratives of apartheid and apartheid sport that focus on race as a perpetual marker of social division. In the second section I draw attention to the gaps, blind spots, mistakes, paradoxes, ironies, anomalies, ambiguities and invisibilities in the structures of apartheid that allowed for racial encounters and entanglements. I conclude with a discussion about the methodological and political implications of incorporating racial entanglements into narratives of apartheid sport.

Biographical sketch: Douglas Booth is Emeritus Professor of Sport Studies at the University of Otago, New Zealand. He served as the Dean of the School of Physical Education, Sport and Exercise Sciences from 2008-2017 and is the author of The Race Game (1998), Australian Beach Cultures (2001) and The Field (2005). Douglas serves on the editorial boards of Rethinking History and the Journal of Sport History and is an executive member of the Australian Society for Sport History.


Third Decolonial City Tour (in English)

May 3, 2019, 2.00 pm, Starting point: corner Augustinerstr./Am Hügel

What is the relationship between Erfurt and colonialism? In order to answer this question, we have started, in March 2019, to provide decolonial city walks. Their guiding assumption is that there are close connections between colonialism and its amnesia on the one hand and contemporary racism and global inequality on the other. The relationship between Erfurt and colonialism cannot be reduced to the short period from 1884 to 1919 when Germany officially had its own colonial territories. It started in 1503, when the merchant house of the Fugger, which was involved in the military occupation and exploitation of several regions of the Americas, established a trading post in Erfurt. And it continues up to this day in the form of buildings, museum collections and racist agitations by right-wing politicians. The city walk traces these manifestations always focusing on the possibility and historic reality of anti-colonial resistance.


Kolonialismus in Erfurt, 1503 bis heute. Die Debatte geht weiter

Am 30.3.2019 hat die Thüringer Allgemeine ein Pro-und-Contra zur Frage „Hat Erfurt ein ernsthaftes Problem mit dem Thema Kolonialismus“ veröffentlicht. Die Pro-Position wurde von uns vertreten: Wir argumentieren, dass Erfurt bezüglich seiner kolonialen Vergangenheit kein Sonderfall ist und daher in der Tat ein „ernsthaftes Problem“ mit „dem Thema“ hat. Die Contra-Position, eingenommen durch den Historiker Steffen Raßloff, bestand dagegen in erster Linie aus massiven Angriffen auf die Ausstellung „Kolonialismus in Erfurt, 1503 bis heute“, die wir mitkuratiert haben. Wir antworten im Folgenden auf die Vorwürfe, die Raßloff gegenüber der Ausstellung erhebt. Wir zeigen, dass sie haltlos sind, und dokumentieren, dass Raßloff nach Veröffentlichung der TA-Kontroverse angefangen hat, seine im Netz zugänglichen Artikel umzuschreiben.