Offener Brief an OB Bausewein: Keine „Lex Nettelbeck“ in Erfurt!

Decolonize Erfurt, 9.2.2021

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Herr Bausewein,

in der Thüringer Allgemeinen (TA) vom 2.2. (online) bzw. 3.2.2021 (print) haben Sie sich gegen eine Umbenennung des Erfurter Nettelbeckufers in Gert-Schramm-Ufer ausgesprochen: „Historische Persönlichkeiten müssten vor dem Hintergrund ihrer Zeit betrachtet werden. >Glücklicherweise haben wir uns ethisch und moralisch weiterentwickelt<, meinte Bausewein. Heutige Persönlichkeiten würden nach heutigen Grundsätzen beurteilt. >Aber wenn wir alle historischen Persönlichkeiten mit heutigem Maß messen würden, müssten wir 80 Prozent der Straßennamen ändern<“.

Wir von Decolonize Erfurt begrüßen es, dass Sie sich in die Debatte einbringen. Die Auseinandersetzung um die Umbenennung des Nettelbeckufers sowie der Umgang mit dem kolonialen Erbe insgesamt sind stark von Emotionen und Fehlinformationen geprägt. Um die Stadt voranzubringen, sind Kriterien für Straßennamen notwendig, über die sich die verschiedenen Akteur*innen verständigen können.

Das von Ihnen vorgeschlagene Kriterium halten wir allerdings nicht für zielführend. Es lässt sich kaum verallgemeinern und würde de facto auf eine „Lex Nettelbeck“ hinauslaufen. Machen Sie die Gegenprobe: Hätten Ihre Vorgänger*innen historische Persönlichkeiten, wie Sie es vorschlagen, vor dem Hintergrund ihrer Zeit beurteilt, gäbe es heute in Erfurt noch eine Horst-Wessel-Straße und eine Wilhelm-Pieck-Straße. Beide, Wessel und Pieck, waren nach den herrschenden Maßstäben ihrer Zeit Vorbilder und Helden.

Der Erfurter Stadtrat hat Straßenumbenennungen 1991 folgendermaßen begründet: „Eine Überprüfung der Biographien der betreffenden Personen ergab, dass aus heutiger Sicht ihre Leistungen eine Straßennamensvergabe kaum rechtfertigen.“ (TA vom 7.11.2020) Das Kriterium, dass Namensgeber von Straßen aus heutiger Sicht positive Leistungen aufweisen müssen, lässt Raum für Ambivalenzen und bewährt sich auch angesichts gegenwärtiger Debatten.

Laut TA stellt sich für Sie die Ehrung Nettelbecks so dar: „Joachim Nettelbeck (1738 – 1824) sei nicht für seine Tätigkeit auf einem Sklavenschiff, sondern für seine Verteidigung von Kolberg mit einem Straßennamen geehrt worden und habe sich später von seinen Fahrten auf Sklavenschiffen distanziert. Unter den damaligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sei das >bemerkenswert<.“

Was hat es mit der Verteidigung Kolbergs auf sich? Nettelbeck hat seine Heimatstadt 1807 in eine sinnlose und mörderische Abwehrschlacht gestürzt, die primär der „nationalen Ehre“ diente, also nur aus nationalistischer Perspektive vorbildhaft ist. Genau deshalb haben ihn die Nazis als Propagandahelden für den „Endsieg“ beschworen. Darüber hinaus hat Nettelbeck die Versklavung von bis zu 750 Menschen befehligt und versucht, drei preußische Könige zum Erwerb von Kolonien zu bewegen, weshalb er zur Zeit der Erfurter Straßenbenennung auch als Pionier des deutschen Kolonialismus verehrt wurde. Es gibt in seiner Biographie keine positiven Leistungen, die das aufwiegen.

Ihr anderer Punkt: Dass Nettelbeck sich am Ende seines Lebens von den Fahrten auf Versklavungsschiffen distanziert hat, mag auf den ersten Blick „bemerkenswert“ erscheinen, schließlich sind die USA zu diesem Zeitpunkt noch fast ein halbes Jahrhundert von der Abschaffung der Sklaverei entfernt. Allerdings hatte das Britische Empire den Versklavungshandel bereits 1807 verboten und schon im Preußischen Landrecht von 1794 findet sich eine, wenn auch inkonsequente, Abkehr von der Sklaverei. Als Nettelbeck im Jahr 1821 die ersten beiden Bände seiner Autobiographie veröffentlichte, gehörte es in Deutschland zum guten Ton, Sklaverei und Versklavungshandel abzulehnen. Wer mit dem „bösen Geschäft“ etwas zu tun gehabt hatte, stand unter erheblichem Rechtfertigungsdruck, und entsprechend fällt auch Nettelbecks „Distanzierung“ aus: Es war der Geist der Zeit, es war nicht so schlimm, ich persönlich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen.

Schließlich noch zu Ihrer Sorge, bei Anwendung heutiger Maßstäbe seien „80 Prozent der Straßennamen“ in Gefahr. Wir haben bei der Stadtverwaltung nachgefragt: In Erfurt gibt es derzeit 1769 Straßen, Plätze, Wege und Gassen. Wie viele davon überhaupt nach historischen Personen benannt sind, konnte die Verwaltung uns auf Anhieb nicht sagen (will es aber bis Herbst herausfinden). Eine erste grobe Zählung unsererseits ergab 390 Personen, das sind ca. 22 Prozent. Nach dem bewährten Erfurter Kriterium dürften sich bei den allermeisten der Namensgeber*innen Leistungen finden lassen, die aus heutiger Sicht positiv zu bewerten sind.

Lieber Herr Bausewein, Ihre Stellungnahme hat für uns noch einmal deutlich gemacht, wie wichtig es ist, über die Hintergründe und Fakten zu Erinnerungspolitik und Kolonialismus zu informieren. Dazu wollen wir kurzfristig mit einer Reihe von Expertinnengesprächen („Im Dekolonialsalon“) beitragen.

  • Am 22.2. unterhalten wir uns um 19 Uhr mit Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, dem Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, über Bewertungsmaßstäbe für historische Persönlichkeiten.
  • Am 2.3. führt Prof. Dr. Michael Zeuske, einer der international renommiertesten Sklavereihistoriker*innen, um 19 Uhr in die Geschichte des transatlantischen Versklavungshandels ein.
  • Am 9.3. diskutieren wir um 18 Uhr mit Dr. Sarah Lentz, die 2020 eine wegweisende Studie zu deutschen Sklavereigegner*innen vorgelegt hat, über Nettelbecks „Distanzierung“ und ihren Kontext (alles über die Facebook-Seite von Decolonize Erfurt).

Wir hoffen sehr, dass unsere Anmerkungen Interesse wecken konnten für eine sachorientierte Debatte über die Umbenennung des Nettelbeckufers. Bitte unterstützen Sie den Vorschlag Ihrer SPD-Fraktion, einen Runden Tisch einzurichten, der ein geeigneter Rahmen für das Abwägen all dieser Fragen ist.

Mit den besten Grüßen,
Decolonize Erfurt


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