Das Gert-Schramm-Ufer, Wege in und aus der Krise

Wegen der Corona-Virus-Krise mussten wir die für gestern – 26.03.2020 – geplante Informationsveranstaltung, in der wir unser Projekt zur Umbenennung des Erfurt Nettelbeck-Ufers in Gert-Schramm-Ufer vorstellen wollten, bis auf weiteres verschieben. Die Krise scheint uns unser Vorhaben nicht hinfällig zu machen, sondern seine Wichtigkeit zu unterstreichen. Warum dies so ist, wollen wir im Folgenden kurz zusammenzufassen.

Solidarität, Katastrophenkultur und Gedächtnis

Anfang der 1950er Jahre begannen Sozialwissenschaftler*innen in den USA das Verhalten von Menschen in Katastrophen empirisch zu untersuchen. In den USA selber, aber auch in Lateinamerika und Europa führten sie nach Erdbeben, Fluten aber auch nach Epidemien hunderte von Feldstudien durch. Sie wollten wissen, ob es nach Katastrophen zum gesellschaftlichen Zusammenbruch kommt, d.h. ob Menschen nicht nur in Massen-Paniken verfallen, sondern etwa auch zu plündern und ihre Nachbarn zu erschießen anfangen. Die Wissenschafter*innen kamen zu dem Ergebnis, das dies in den allermeisten Fällen nicht passiert. Stattdessen stellten sie fest, dass sich Menschen in großer Solidarität über soziale Grenzen hinweg helfen und dass genau aufgrund dieser Solidarität Gemeinschaften insgesamt mit Katastrophen recht gut zurechtkommen. Auch 70 Jahre später herrscht innerhalb der Katastrophenforschung wenig Zweifel daran, dass Solidarität im Angesicht von schwerwiegenden Krisen schlicht und ergreifend lebensnotwendig ist. Corona ist hier keine Ausnahme.

Schon in den 1960er Jahren bemerkten die Sozialwissenschaftler*innen, dass Krisen-Verhalten dort besonders ‚gut’, im Sinne von die destruktiven Konsequenzen der Katastrophe abmildernd ist, wo es eine „Katastrophen-Kultur“ gibt: will heißen, wo die Mitglieder einer Gemeinschaft relevantes Krisenwissen haben, das sie sich in vorherigen Katastrophen angeeignet und über Jahre hinweg im kollektiven Gedächtnis gespeichert haben. Zu diesem Wissen gehörte und gehört das Wissen um die Unabdingbarkeit von Solidarität.

Auch das Leben von Gert Schramm ist ein eindrücklicher Beleg, dafür dass Solidarität in Katastrophen nicht nur über Leben und Tod entscheidet, sondern auch für ein Überleben in Würde elementar ist. Zu denken ist hier nicht nur an seine Zeit in Buchenwald, sondern auch an das Leben in einer durch faschistische Gewalt und Krieg gebeutelten Dorfgemeinschaft, an seine Arbeit im Bergwerk oder an den gemeinschaftlich eigensinnigen Widerspruch gegen die SED. Gert-Schramm zu gedenken, indem eine Straße nach ihm benannt wird, ist darum ein Beitrag dazu, Solidarität in genau jenem Katastrophen-Gedächtnis zu verankern, das es heute und morgen zu aktivieren gilt – um Corona zu überstehen und nach Corona eine andere gesellschaftliche Ordnung aufzubauen, die nicht länger eine „permanente“ „chronische“, „langsame“, „strukturelle“ Katastrophe (um hier ein paar Konzepte aus der jüngeren Forschung zu anzuführen) für einen wesentlichen Teil der Menschheit darstellt.

Katastrophen, Rassismus und Kolonialismus

Diejenigen Menschen(gruppen), die nicht erst seit Corona in solchen „chronischen“ Katastrophen leben, sind gleichzeitig auch diejenigen, die jetzt von Corona – wie von anderen katastrophalen Ereignissen – besonders stark betroffen sind. Es sind dies nicht nur die in unseren Alten- und Pflegeheimen und obdachlos auf der Straße langsam und einsam Sterbenden. Es sind die allermeisten Menschen im Globalen Süden und solche, die im Globalen Norden leben und nicht-weiß sind. Wir sprechen hier von den Menschen in Europas Flüchtlingscamps und Asylbewerber*innen-Heimen, von den strukturellen Zusammenhängen von „race“, Armut und der sogenannten Krisen-„Vulnerabilität“, die die Katastrophenforschung seit den 1960er Jahren belegt hat. Wir beziehen uns aber auch auf die rassistischen Übergriffe, zu denen es in Krisenzeiten immer wieder kommt, und welche die oben gennannte Solidarität zersetzten. Auch solche sind in den letzten Corona-Wochen bereits in Deutschland zu beobachten gewesen.

In anderen Worten: Um Katastrophen in ihrer Wirkung verstehen und ihnen adäquat begegnen zu können, ist der analytische Blick auf Rassismus und auf globale Ungleichheit unverzichtbar, die ihre Herkunft wesentlich im Kolonialismus haben. Die antirassistische und dekoloniale Arbeit, die wir mit dem Umbenennungsprojekt verfolgen, zielt genau darauf.

Wir möchten darauf hinweisen, dass viele der katastrophalen Ereignisse, mit denen sich Menschen in den letzten 500 Jahren konfrontiert gesehen haben, von Kolonialismus und Rassismus nicht nur in ihrem Verlauf und ihren Konsequenzen beeinflusst worden sind, sondern damit auch ursächlich in Verbindung stehen. Dies nur schon, weil sie viel mit den menschengemachten Veränderungen der verschiedenen Sphären unseres Planeten zu tun haben, zu denen es in den letzten Jahrhunderten kam. Also z.B. mit dem Wandel des Klimas, der Beschaffenheit von Böden oder dem Bestand an Pflanzen und Tierarten.

Diese Veränderungen sind so massiv, dass Wissenschaftler*innen seit ein paar Jahrzehnten die geologische Epoche, in der wir leben, als „Anthropozän“ bezeichnen. Zu ihnen haben, wie die heutige Forschung betont, Kolonialismus und vor allem Plantagenwirtschaft und Sklaverei so entscheidend beigetragen, dass mittlerweile auch von einem „plantationocene“ gesprochen wird. Bekannte Folgen davon sind Dürren oder Fluten. Aber auch Epidemien wie Corona sind in ihrem Verlauf und Entstehen von Faktoren wie der Veränderungen z.B. der Biosphäre geprägt. Schließlich darf nicht vergessen werden, dass der Kolonialismus auch als Motor von Globalisierung zu ihrer Ausbreitung beigetragen hat.

Sklaverei und Kolonialismus zu ehren, indem deren Handlangern und Lobbyisten, wie Nettelbeck einer war, Straßennamen gewidmet bleiben, bedeutet auch, Ursachen unserer aktuellen Krisen zu huldigen. Dies blockiert genau jenes Umdenken, das erforderlich ist, um die kulturellen und strukturellen Veränderungen zu bewirken, die es Jetzt für heute und (ein) Morgen braucht.

Gegen Opferbereitschaft und Menschenverachtung

Was wir zum jetzigen Zeitpunkt (und auch sonst) nicht benötigen, sind totalitäre Praktiken und sowie deren ideologische Versatzstücke, für die Nettelbeck steht. Dies ist gerade deswegen zu betonen, weil es global, aber auch lokal nicht an Kräften mangelt, welche die jetzt im Ausnahmezustand eingeführten Beschneidungen von Rechten über diesen Zustand hinaus zu normalisieren bestrebt sein werden. Kräfte, für welche Corona auch als zusätzlich Legitimierung einer hochgradig zynischen Politik dient, in der die in ihrer Logik weniger „Nützlichen“, sowieso schon Entrechteten zum vermeintlichen (ökonomischen) Vorteil der Normgesellschaft der (vermeintlich) Produktiven, sterben gelassen werden sollen.

Nettelbecks Wirken in Kolberg steht für eine Militarisierung der Gesellschaft, für eine irrationale und mörderische Abwehrschlacht gegen einen überlegenen Feind, in welcher einzelne Individuen für ein vermeintliches „Gemeinwohl“ geopfert werden. Genau deshalb war Nettelbeck der Liebling von Joseph Goebbels. Dessen Sportpalastrede („Wollt Ihr den totalen Krieg?“) endet mit den Worten, mit denen Veit Harlans Propagandafilm „Kolberg“ beginnt, in dem Nettelbeck die Hauptfigur ist: „Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los!“

Diese „Zusammenrücken“ der Volksgemeinschaft ist just das Andere der Solidarität, die Gert Schramm verkörpert. Einer Solidarität, deren moralisches Fundament das Wissen um die Gleichheit aller Menschen und um die Unantastbarkeit ihrer Würde ist. Diese Werte müssen wir auch in der gegenwärtigen Corona-Krise hochhalten. Z.B., indem wir uns jetzt dafür aussprechen, dass Gert Schramms Name auf einer der vielen Straßen steht, auf denen neue Wege aus der (permanenten) Katastrophe heraus beschritten werden können.


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